Freitagnacht vor der Frankfurter Diskothek King Kamehameha. An der Ecke Hanauer Landstraße, auf dem Vorplatz, taumeln Hinausgeworfene in ihren Arbeitsanzügen und -kleidern, betrunken und verzweifelt und stürzen auf die Knie in Tümpeln undefinierter Flüssigkeiten und Erbrochenem. Spektralwesen ernähren sich von ihnen, wirbeln direkt über ihren Köpfen, entziehen ihnen mehrfarbige pulsierende Sphären von Lebensenergie. Die spindeldürren Kreaturen wenden ihre Gesichter dem fahlen Mond zu und stoßen ein triumphierendes und befriedigendes Geheul aus, bevor sie wieder mit der nächstbesten Wand verschmelzen.
Ich sitze an der Bar und neben mir sitzt ein Wesen in einem neonfarbenen Fursuit, das von sich selbst in der dritten Person spricht und ständig zwischen neutralen, femininen und maskulinen Personalpronomen hin- und herwechselt, wenn es über sich selbst spricht, während er meine Hand über ihre klumpigen transdermalen Stirnimplantate führt. „Ich habe die photophorischen Fischzellen selbst mit meinen Augenzellen gespleißt“ brüllt er in mein Ohr „sie mußten sie nur injizieren und jetzt kann ich in meinen Augen willentlich Luziferin und Luziferase produzieren, lichtemittierende Chemikalien, ich bin jetzt biolumniszent!“ Und während ihre Iris im Rhythmus der Musik in abwechselnd roten und blauen Sternchen funkelt, sieden und mutieren die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche im brodelnden Techno-Seidhr. Die Bass-Töne dringen in meinen Körper und ich fühle, wie ich mich auflöse.

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In der Magie ist es nicht unüblich den eigenen Körper „aufzulösen“ wenn man sich in ein beginnendes Ritual begibt. Die Grenzen zwischen Selbst und Anderen verschwimmen, Gliedmaße werden flüssig und die Trennung zwischen Körper und Geist kollabiert in sich selbst. Die Attraktivität die Grenzen unsere Haut zu verlassen ist sicherlich nicht neu – ob nun durch gestaltwandlerisches Schamanentum, Mind/Less/Full-Fuck oder die Sensation einer unerwarteten Kurve auf der Achterbahn. Wir wollen aus der Haut fahren. Wir wollen uns in unserer Haut wohlfühlen. Wir wollen in die Haut von anderen schlüpfen.
Das Ritzen, Tätowieren und Piercen der Haut belegt wie Menschen versuchen sich ihre Behausung Haut komfortabel und attraktiv zu gestalten und gibt einen ersten Eindruck auf die weiten kulturellen Aspekte des psychischen und magischen Erlebens der eigenen Haut. In und unter die Haut gehen dann die Blutrituale und Blutopfer, die aus dem Blutkreislauf selbst neue Räume der Präsenz und Offenbarung eröffnen wollen. Während die Tiefenpsychologie die Haut ja schon immer als Zusammenhalt der grundlegenden Persönlichkeitsanteile verstanden hat, als Grenze, Unterstützung, Integration und Ausrichtung innerer und äusserer Räume. Soll heißen, die Haut dient nicht nur der eigenen körperlichen Gesamtheit, sondern bietet auch Raum für äussere Interjektionen. Und ohne diese Fähigkeit der Interjektionen gäbe es gar kein Konzept von Räumen im eigenen Selbst. Im Umkehrschluss – so die Tiefenpsychologie – führt ein Mangel an inneren Räumen zu Verwirrung bezüglich der eigenen Identität – es kommt zu Angriffen auf die eigene, die primäre Haut und es entwickelt sich stattdessen eine „zweite“ Haut. Dies wird beschrieben als Pseudo-Unabhängigkeit, erzeugt durch den Mißbrauch bestimmter mentaler Fähigkeiten oder bestimmter Talente, zum Zwecke der Erschaffung eines Substituts für die natürlichen psychischen Funktionen der Haut.

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Während die kotzenden Büromenschen auf dem Vorplatz ausgesaugt werden, versammelt sich eine Gruppe von Leuten im dunklen Basement der Buchhandlung Hugendubel und beschwört eine Reihe magischer Entitäten, Kerzen flackern, Körper schwingen und plötzlich kreischt der Hohepriester in einer Zungenanrufung. Die Spektralwesen erscheinen wie gerufen und formen einen inneren Kreis innerhalb der magischen Gruppe. Die zwei Kreise drehen sich in entgegengesetzte Richtungen und verschmelzen in einer psychedelischen Chaossphäre, die dann quer durch Raum und Zeit zur Venus beamt.

Ist ritueller Raum eine „zweite“ Haut? Ein Weg der Eröffnung oder Wiederherstellung innerer Räume durch die Erschaffung externer Räume für grundlegende Persönlichkeitsanteile? Wobei „grundlegend“ hier durchaus bioevolutionär zu verstehen ist, Zugang zum Reptilienhirn, Zugang zum Neanderthaler-Bewußtsein, Zugang zu pränataler Erfahrung. Ritual und ritueller Raum scheinen tatsächlich die Erfahrung des Numenosen zu fördern, die sich dann auf die eigene Identität auswirkt. Wir lassen uns rückwärts fallen um in die Zukunft zu springen. Jedes Invokationsritual entlässt mich als andere Person, mit einem uralten Wesen in mir, verwoben mit mir und meinem Gefühl für Identität bevor sie ausgekoppelt, rekonfiguriert und neu gebootet wurde.

Während die Himmel weinen und die Chaoten auf einem anderen Planeten landen, feuern die Teilnehmer des D-Forums im Otherkin-Bereich ihre Postings wie Projektile aufeinander ab. Eine Person nennt sich „Hübsche Eintagsfliege“ und diskutiert die Schwierigkeit ihre Flügel vor Nicht-Otherkins zu verbergen. Eine andere Person versteht sie sehr gut und schreibt über ihre Ängste, daß ihre Human-identifizierte Familie sie totschlägt, wenn sie jemals erfahren sollte, daß sie eine Klapperschlange ist. Im selben Forum, nur in einem anderen Thread, ereignen sich bestürzende Serien von hasserfüllten Postings einer Human-identifizierten Person gegenüber der Fliegen-identifizierten Person mit der Drohung sie ausfindig zu machen und es ihr „mal anständig zu besorgen“ um sie „wieder zu einem Menschen zu machen“. Der Humane Troll ist sich der Tatsache nicht bewußt, daß die Eintagsfliege ein Junge ist.

Otherkins identifizieren sich selbst als nicht-human, während sie sich als traditionell assoziiert mit Figuren aus Mythen und Legenden begreifen. Otherkins haben in Folge den menschlichen Körper und die menschliche Form psychisch verlassen um einen „post-humanen“ Raum zu bevölkern und zu verkörpern. In gewisser Hinsicht ein logischer nächster Schritt, wenn man an die Lösung und das Zerbrechen der Geschlechterrollen der politischen Transgender- und Feminismus-Diskussion denkt, an die Förderung einer hybriden Körperkultur einer Rassen- und Ethnologiediskussion und die Verwischung der Unterschiede zwischen Mensch und Maschine als Cyborgs – und jetzt die Otherkins, die Spezies und Identität überkommen wollen. Otherkin verneinen radikal die Annnahme, daß Identität ihre Wurzeln in einer körperzentristischen Rassenidentifikation hat. Otherkin verstehen sich „anders als Menschen“. Eine interessante Frage wäre, was ist denn dieses „anders“, das anders als Menschen ist?
Liegt der Sinn dieses „anders“ vielleicht in Flügeln und Schwänzen? Viele Otherkin-Foren enthalten Geschichten und Erzählungen von Otherkins, die Schwierigkeiten haben sich in einer Welt der Menschen wohl zu fühlen. Auf eine gewisse Art erinnern diese Beschwerden an Aufrufe zu barrierefreien Zonen, nur daß hier keine Behinderten gemeint sind. Manche Otherkin argumentieren, daß die human-identifizierte Welt umdesigned werden muß, damit sich jene, die Flügel fühlen und jene, die Schwänze fühlen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Toiletten und Restaurants nicht stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen müssten. Hier wird das „anders“ als eine soziale Konstruktion von Diskriminierung und Unterdrückung erlebt.
Zweifellos handelt es sich aber vor allem um eine Transgression. In Sünde, Verletzung, Verstoßen, Überschreitungen oder Übertretungen von Grenzen lag schon immer Lust. Wir Magier wissen das nur zu gut. Das (spielerische) Überschreiten von Grenzen der Identität von Mensch und Tier durch Verhaltensweisen ist für Magier ein Teil der Attraktivität ihres Tuns. Wir erschaffen schon lange magische Wesen, experimentieren mit der Biointensivierung von Räumen und deterritorialisiertem Shapeshifting in unseren Ritualen. So gesehen haben die Magier das „anders“ im Otherkin schon längst verwirklicht, ohne es bemerkt zu haben und womöglich ohne es jemals versucht zu haben.

Später in der Nacht – während das ebenso ungeschriebene wie seltsame präcoitale Ritual mir abverlangt, daß ich dem Neonfurry meine Visitenkarte gebe und der verspricht (sie sich aber nicht daran hält), daß es sich bei mir meldet – fangen in einem Labor der Goethe-Universität eine Reihe xenotransplantierte Stammzellen damit an sich zu reproduzieren. Die Theorie des hematopoetischen Chimerismus wird Realität. Ein aufgeregter Medizinstudent greift zum Telefon und erreicht seinen Professor, der wiederum informiert die Regierung und die das Militär. Die Zukunft hat begonnen…

© 2014 by Xephyr

Xephyr wurde 1958 in Sydney/Australien geboren. Nach eigenen Angaben waren seine Lieblingsbücher im Alter von elf Jahren das Bardo Thödol und die Bhagavad Gita. Mit sechzehn schrieb er sein erstes magisches Grimoire und sammelte erste Erfahrungen mit Hypnosetechniken. Er studierte ebenso Theologie wie auch Elektrotechnik und erlernte einige tote Sprachen zu denen neben Althebräisch und Altgriechisch auch Fortran und Cobol gehörten. Als Buchautor widmete er sich den schamanischen Praktiken der Bön, Navahos und Aboriginees und gab Seminare für eines der wissenschaftlichen Institute von C.F. von Weizsäcker.Xephyr gehört zu jenen seltenen Magoi, die das komplette Abramelin-Ritual absolviert haben. Zu seinen zahlreichen Spezialgebieten zählen, neben der Traumarbeit, die Germanische Runenmagie, die Spiegelmagie, der Ägyptische Tarot, die Jüdische Kabbala und atavistischer Schamanismus. Xephyr hat zwei eigene umfassende magische Schlüssel-Systeme entwickelt, die jedoch nie veröffentlicht wurden

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