Dienstag, 7. November 2017
Lifestyle

Ich war erschöpft. Mein Herz eine gedemütigte Trommel, die so langsam schlug, als schleppe sie sich durch den Sumpf modernder Enttäuschungen. Ihr Klang so schwach, dass ich ihn kaum noch spüren konnte. Wo war der Puls meines Lebens. Wo der wilde Rhythmus, der mir in die Glieder fuhr, mich voran trieb, zielstrebig und ungestüm, den Kopf in den Wolken, die Brust berstend vor Sehnsucht und Tatendrang und die nackten Füße im wirbelnden Staub der Straße, die sich heiß und verlockend in der Sonne vor mir wand wie eine Schlange, ihren hypnotischen Blick in den meinen versenkt, mich in Begehren fesselnd und mit ihrem Gift mein Blut aufpeitschend, dass es in fiebernder Leidenschaft der Zukunft entgegendrängte.

Ich war frustriert. Unzufrieden mit mir, meiner Situation, mit allem. Nichts war mehr echt und wahr, nichts lebendig und kühn. Kaum, dass ich etwas erschuf, erstarb es schon wieder in Mattigkeit. Ich war eine Kerze, die bis zum Hals im Wasser stand. Nur der Docht durchbrach die träge Oberfläche und reckte sich starr dem Himmel zu. Doch wollte man ihn entzünden, verglomm er verdurstend und brach entzwei. Meine Lust war ertrunkenes Wachs und mein Geist eine dünne Fahne rußigen Rauchs, der sich nur kurz im Abglanz der blauschwebenden Weiten unter ihm spiegeln konnte, bevor er verschwand.

 

Märzwurz

 

Eine Einladung kam aus der gefrorenen Distanz einer abgewiesenen Vergangenheit. Eine Abendgala mit Konzert, Lesung und Ausstellung frischer Werke, danach ein festlicher Ball. Man hatte auch die Ehemaligen angeschrieben, vor allem diejenigen, die die Benefizveranstaltungen zur Förderung junger Künstler ins Leben gerufen hatten. Die Organisation stülpte wie eine Amöbe ihre Finger aus und zog an den Fäden ihrer alten Marionetten, die, eingemottet in der Kartei, geglaubt hatten, sie wären frei. Um sie erneut zu umfließen in ihrer unzufriedenen Gier, um sie letztendlich doch für immer vereinnahmen zu können.

Abscheu stieg in mir auf von einem Ort tief drin, an dem ich sie damals vergraben hatte. Ungerufen brach sie hervor mit dem Geschmack der Verwesung auf der Zunge. Ich hatte mir geschworen, nie wieder mit diesem Omnivor in Berührung zu kommen, und es verstörte mich, dass ich mich dennoch auf eine seltsame, ja eklige Weise zu ihm hingezogen fühlte. Als wäre ich tatsächlich noch immer an seine ungeschriebenen Gesetze der Unterwerfung gebunden, die wiedererwacht ihre viralen Verlockungen in mein Ohr flüsterten.

Ich verteidige mich nicht. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was ich wirklich wollte. Vielleicht war es ein Impuls unbewusster Loyalität oder die Konsequenz eines dieser ironischen Zwänge, die in den Gegebenheiten der menschlichen Existenz lauern. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Aber ich ging hin.

Trotz Festschmuck wirkte die Stadthalle grau und kalt. Ihre klaffenden Türen nahmen die herausgeputzten Bildungsbeflissenen auf in den Schoß kollektiven Abschunkelns. Man nickte sich zu, tauschte bedeutungsvoll leere Worte. Auch ich trat ein in die Lorbeerhallen der Kunst, die mir einmal so heilig waren. Geliebte Stätte erhabenen Rauschs und göttlichen Gesangs. Die Wiege und der schützende Dom meines Schaffens, der mich plötzlich, als ich mich ihren Normen entwand und meine Träume in ungezügelte Kunst zu gießen begann, ausspie wie Unrat. Denn wer nicht demütig den Gottesdienst an der Regel vollzog, der war ein Geächteter, den mit zynischer Kritik zu schmähen heilige Pflicht der Anbetenden war.

Nun, nach all den Jahren, in denen ich meine eigenen Wege gegangen war, traf mich das Zeremoniell tiefer, als ich es erwartet hatte. Die Knochentrompeten und Beinflöten aus den Schenkeln und Armen verbrauchter und verdauter Schützlinge erhoben ihren schaurigen Klang und riefen die Götzen der Vorschriftsmäßigkeit. Willig boten sich ihnen die Menschen zur Speise dar, den hungrigen Dämonen des Diktats, um sie mit ihren gehorsamen Seelen zu füttern. Und während sich ihre Götter an ihnen labten und ihr Leben austranken, verfielen sie in hymnische Raserei, wogten im lächelnden Maskentanz der Falschheit, während sich ihre Trance unmerklich in Ohnmacht wandelte und sie schließlich blutleer zu Stein erstarrten.

Schaudern erfüllte mich, als man mich nach vorne rief. Auf dem Altar ihrer verkrusteten Bedeutungen führten sie mich vor und besangen meinen Heldenmut, als ich damals für sie den Geist der Kreativität herbei rief und ihn im Namen des gesellschaftlichen Rituals betrog, indem ich ihn fesselte und seine Stimme zu ihrem Sprachrohr versklavte. Fühlte ich mich eben noch fremd und distanziert, blieb ich nun sprachlos vor Scham und innerem Entsetzen. Aus meiner Vergangenheit, meinem erinnerten Tun, erwuchs mir meine eigene Fratze, erwachte mein Dämon, den ich selbst einst genährt hatte. Aus dem Vergessen, das ich närrisch für seinen Tod gehalten hatte, hob er sein Haupt über den Horizont meines Unbewussten, ein gehörnter Harlekin, der mich spöttisch verlachte. Er spannte den Bogen seines Liedes über meinen Himmel aus, mit dem er mein Damals mit Heute verband. Er ergötzte sich an meinem Schmerz und tauchte voll Häme seine Krallen in mein Fleisch, um sich mit meinem gegenwärtigen Können die bleichen Lippen rot zu schminken. Als man mich aus der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit entließ, ergriff ich die Flucht.

 

Märzwurz

 

Wachsam lauerte der Dämon und ließ mich nicht aus seinem Blick. Alter Schmerz aus Erinnerungen brandete auf und vergrub mich unter einer Woge der Erkenntnis. Die Wunden von damals waren tiefer, als ich geglaubt hatte. Doch nicht sie waren es, die mir meine letzte Kraft raubten, sondern der unfassbare Verlust, den ich jetzt begriff. Am Boden liegend schaute ich dem Wesen in die Augen, das ein verlorener Teil von mir war. Wir kämpften nicht. Wir rangen darum, uns stumm zu verstehen.

In seiner Seele brannte Wut, mir selbst nur allzu bekannt. Sie war das Band, das meine und seine Vergangenheit umschlang und sie zu einem Erlebnis zusammenfügte: Ich war wieder jung und hob den Blick zu meinem Idol. Ein starker, schöner Gott. Voll Glauben an den Wert bürgerlicher Tugenden, breitete er sein schützendes Lächeln über mich und hob mich sanft in jenes Glück der eben aufkeimenden Lust eigener Schöpfungskraft. Doch sein Versprechen auf Anerkennung in den freundschaftlichen Kreisen derer, die neue Talente auf dem Acker ihrer Kunstbewunderung zu hegen behaupteten, war trügerisch.

Denn das Geld und die Wertschätzung der Wohltätigen waren kein echtes Geschenk, sondern ein Gängelband, den unfertigen Künstlern um den Hals gelegt, um ihr erwachendes Schaffen in gesellschaftliche Normen zu zwingen. Als ich mein eigenes rohes Wollen in den Bildern geträumter Freiheit entfaltete und meine Leidenschaft jede Konvention durchbrach, war ich eine Ausgestoßene. Meine Freunde wandten sich gegen mich und das Mündungsfeuer ihrer Kritik ließ ihre hasserfüllten Mienen flackern. Mitten unter ihnen mein Gott, mein Schutzgeist, heiße Flammen speiend: „Du wendest dich gegen dein eigenes Geheiß!“ Seine dunkel glühende Gestalt verzerrte sich zum Dämon der Gegenwart.

Jetzt sah ich das Gold seiner Werte – meiner Werte – in seinem Wesen glänzen. Es war vermischt mit den Metallen der anderen, eine Legierung, die meine Wahrheit mit ihren Lügen verschmolz. Es blieb mir nur eins: ihn in das Labyrinth des Unbewussten zu führen, wo er die verwirrenden Pfade zu seiner eigenen Echtheit gehen musste. Wo die Einhörner der Entschiedenheit das silberne Mondlicht verflüssigen, um das Gold der Suchenden darin zu lösen.

Es fällt mir nicht leicht zu beschreiben, was ich tue, um in das Reich zu gelangen, wo sich die Träume mit der Realität und Absicht mit Geschehen zu einer Einheit verweben. Ich nahm den Dämon in mich auf, wurde zu ihm und blieb ich selbst. Hoch oben aus dem Bewusstseinshorst erklang mein heiserer Ruf, ein Pferd der Sehnsucht. Das Sternenlicht kristallisierte zu Reif, als meine Hand sich in seine Mähne grub und es mich in die Tiefe trug.

Ich fand das Buch, in dem mein Wesen geschrieben steht und immer aufs Neue geschrieben wird. Die Seiten fächerten sich auf zu den Lamellen eines Pilzhauptes. Aus ihren Zwischenräumen tropfte der Mondlichttau der Verwirrung. Er perlte auf meine Lippen, süß und klebrig, gleichzeitig kühl. Ich trank ihn und er machte mich trunken. Der Rausch wirbelte mein Innerstes auf. Ich taumelte im Chaos meiner Gedanken, fiel oder flog, ich weiß es nicht. Dann wurde es stiller, die kreiselnden Bilder machten Halt, gewannen Raum. Ich war in einem Hügelgrab. Und mit mir ein anderes Wesen.

 

Märzwurz

 

Es warf mich nieder mit schweren Tatzen – ich blickte in das Gesicht eines Löwen. Er grollte drohend, dann ließ er mich frei. Aus seinem Nacken entsprang das Haupt einer Ziege und sein peitschender Schwanz war eine Schlange. Die Chimäre schwieg und wartete. Neben mir kauerte der Dämon. Er keuchte, seine ungläubig aufgerissenen Augen auf mich gerichtet, um Hilfe flehend. An der linken Schulter zwei kleine Wunden. Das Schlangengift verdarb sein Blut.

Er krümmte sich und Schmerz zerriss mein Herz. Ich bettete ihn in meinen Schoß und sang das Seelenlied. Aus seinen Poren sickerte blaugraues Licht, das sich zu Geistern formte. Die Untoten verließen ihn, gehüllt in die Schleier des Betrugs, die schillerten wie Schlieren auf schwarzem Öl. Aus dem Riss ihrer geschwollenen Lippen quollen Schreie hervor, schrille Zwischentöne aus Enttäuschung und Wut, Lebensatem ihrer gierigen Lust. Sie sammelten sich zu einem dröhnenden Akkord, ließen ein letztes Mal das strahlende Trugbild ihrer Ideale erklingen und verloschen dann in der jähen Erkenntnis ihres irrlichtigen Seins, das seine Existenzberechtigung in mir für immer verwirkt hatte.

Aus meinem Schoß erhob sich der Dämon, befreit von der Last fremder Glut, und erstaunt sah ich, dass er eine Frau war. Langsam ging sie zur Chimäre, die sie ruhig erwartete, und küsste den Löwen, die Ziege und die Schlange. Wie sehr sie sich zurückgesehnt hatte in die Umarmung ihrer tierischen Natur! Doch solange die Peitschenstriemen ungewollten Strebens ihr Dasein zerteilt hatten, blieb ihr keine Wahl. Erst jetzt, nach Äonen fiebriger Wut auf der einen und dumpfen, begrabenen Grolls auf der anderen Seite, schloss sich die Kluft, die nie hätte aufbrechen dürfen, und aus zwei Wesen wurde endlich wieder eins.

Die Frau wandte sich um und streckte mir ihre Hand entgegen. Am Gelenk waren noch die roten Einschnitte der Marionettenschnüre zu erkennen, mit denen sie gefesselt war. Sie blickte mich mit schwarzen Augen an, offene Pforten in die Tiefen eines Seelenwissens, das für so lange Zeit versiegelt gewesen war. Tränen dunkler Wahrheiten brachen aus ihnen hervor und sie fragte mich: „Wirst du mich lieben können?“

Seitdem sind einige Wochen vergangen. Ich fühle mich verletzlich. Als ob allmählich eine kalte, graue Schicht aus Gestein von mir abplatzt, unter der lebendige, zarte Haut zum Vorschein kommt. Die Trommel schlägt immer noch langsam, doch schreitet sie bestimmter voran. Und tief in mir erhebt meine tierische Muse ihre Häupter, stark und stolz, hypnotisch und leidenschaftlich, eigenwillig und frei.

mirzwurz hambeldrum affengleich im hintertal. dassendoll wouptieron in formularie dung. sinnenfullfill harten kormastohn, was lorbeerhallen warmirten. denn fremdten loobaliletum in ichtie labsen harmekung. drum warti numi lantiheiß in quickesilber waorrespiel. das hortzebokpluutz im fungerhaupt, denwurbeltrunk am hurkendoll. So kummerlich der rufenschall im hussentrug des intertons. das kohtan wullst auf hohem trug. niekonnte walen erebrech. das dunkelfinistere sigelbuch hat dunkelrecht im wagebrecht. tonk

© Tsaphyre 2014   http://tsaphyre.de

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Freitagnacht vor der Frankfurter Diskothek King Kamehameha. An der Ecke Hanauer Landstraße, auf dem Vorplatz, taumeln Hinausgeworfene in ihren Arbeitsanzügen und -kleidern, betrunken und verzweifelt und stürzen auf die Knie in Tümpeln undefinierter Flüssigkeiten und Erbrochenem. Spektralwesen ernähren sich von ihnen, wirbeln direkt über ihren Köpfen, entziehen ihnen mehrfarbige pulsierende Sphären von Lebensenergie. Die spindeldürren Kreaturen wenden ihre Gesichter dem fahlen Mond zu und stoßen ein triumphierendes und befriedigendes Geheul aus, bevor sie wieder mit der nächstbesten Wand verschmelzen.
Ich sitze an der Bar und neben mir sitzt ein Wesen in einem neonfarbenen Fursuit, das von sich selbst in der dritten Person spricht und ständig zwischen neutralen, femininen und maskulinen Personalpronomen hin- und herwechselt, wenn es über sich selbst spricht, während er meine Hand über ihre klumpigen transdermalen Stirnimplantate führt. „Ich habe die photophorischen Fischzellen selbst mit meinen Augenzellen gespleißt“ brüllt er in mein Ohr „sie mußten sie nur injizieren und jetzt kann ich in meinen Augen willentlich Luziferin und Luziferase produzieren, lichtemittierende Chemikalien, ich bin jetzt biolumniszent!“ Und während ihre Iris im Rhythmus der Musik in abwechselnd roten und blauen Sternchen funkelt, sieden und mutieren die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche im brodelnden Techno-Seidhr. Die Bass-Töne dringen in meinen Körper und ich fühle, wie ich mich auflöse.

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In der Magie ist es nicht unüblich den eigenen Körper „aufzulösen“ wenn man sich in ein beginnendes Ritual begibt. Die Grenzen zwischen Selbst und Anderen verschwimmen, Gliedmaße werden flüssig und die Trennung zwischen Körper und Geist kollabiert in sich selbst. Die Attraktivität die Grenzen unsere Haut zu verlassen ist sicherlich nicht neu – ob nun durch gestaltwandlerisches Schamanentum, Mind/Less/Full-Fuck oder die Sensation einer unerwarteten Kurve auf der Achterbahn. Wir wollen aus der Haut fahren. Wir wollen uns in unserer Haut wohlfühlen. Wir wollen in die Haut von anderen schlüpfen.
Das Ritzen, Tätowieren und Piercen der Haut belegt wie Menschen versuchen sich ihre Behausung Haut komfortabel und attraktiv zu gestalten und gibt einen ersten Eindruck auf die weiten kulturellen Aspekte des psychischen und magischen Erlebens der eigenen Haut. In und unter die Haut gehen dann die Blutrituale und Blutopfer, die aus dem Blutkreislauf selbst neue Räume der Präsenz und Offenbarung eröffnen wollen. Während die Tiefenpsychologie die Haut ja schon immer als Zusammenhalt der grundlegenden Persönlichkeitsanteile verstanden hat, als Grenze, Unterstützung, Integration und Ausrichtung innerer und äusserer Räume. Soll heißen, die Haut dient nicht nur der eigenen körperlichen Gesamtheit, sondern bietet auch Raum für äussere Interjektionen. Und ohne diese Fähigkeit der Interjektionen gäbe es gar kein Konzept von Räumen im eigenen Selbst. Im Umkehrschluss – so die Tiefenpsychologie – führt ein Mangel an inneren Räumen zu Verwirrung bezüglich der eigenen Identität – es kommt zu Angriffen auf die eigene, die primäre Haut und es entwickelt sich stattdessen eine „zweite“ Haut. Dies wird beschrieben als Pseudo-Unabhängigkeit, erzeugt durch den Mißbrauch bestimmter mentaler Fähigkeiten oder bestimmter Talente, zum Zwecke der Erschaffung eines Substituts für die natürlichen psychischen Funktionen der Haut.

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Während die kotzenden Büromenschen auf dem Vorplatz ausgesaugt werden, versammelt sich eine Gruppe von Leuten im dunklen Basement der Buchhandlung Hugendubel und beschwört eine Reihe magischer Entitäten, Kerzen flackern, Körper schwingen und plötzlich kreischt der Hohepriester in einer Zungenanrufung. Die Spektralwesen erscheinen wie gerufen und formen einen inneren Kreis innerhalb der magischen Gruppe. Die zwei Kreise drehen sich in entgegengesetzte Richtungen und verschmelzen in einer psychedelischen Chaossphäre, die dann quer durch Raum und Zeit zur Venus beamt.

Ist ritueller Raum eine „zweite“ Haut? Ein Weg der Eröffnung oder Wiederherstellung innerer Räume durch die Erschaffung externer Räume für grundlegende Persönlichkeitsanteile? Wobei „grundlegend“ hier durchaus bioevolutionär zu verstehen ist, Zugang zum Reptilienhirn, Zugang zum Neanderthaler-Bewußtsein, Zugang zu pränataler Erfahrung. Ritual und ritueller Raum scheinen tatsächlich die Erfahrung des Numenosen zu fördern, die sich dann auf die eigene Identität auswirkt. Wir lassen uns rückwärts fallen um in die Zukunft zu springen. Jedes Invokationsritual entlässt mich als andere Person, mit einem uralten Wesen in mir, verwoben mit mir und meinem Gefühl für Identität bevor sie ausgekoppelt, rekonfiguriert und neu gebootet wurde.

Während die Himmel weinen und die Chaoten auf einem anderen Planeten landen, feuern die Teilnehmer des D-Forums im Otherkin-Bereich ihre Postings wie Projektile aufeinander ab. Eine Person nennt sich „Hübsche Eintagsfliege“ und diskutiert die Schwierigkeit ihre Flügel vor Nicht-Otherkins zu verbergen. Eine andere Person versteht sie sehr gut und schreibt über ihre Ängste, daß ihre Human-identifizierte Familie sie totschlägt, wenn sie jemals erfahren sollte, daß sie eine Klapperschlange ist. Im selben Forum, nur in einem anderen Thread, ereignen sich bestürzende Serien von hasserfüllten Postings einer Human-identifizierten Person gegenüber der Fliegen-identifizierten Person mit der Drohung sie ausfindig zu machen und es ihr „mal anständig zu besorgen“ um sie „wieder zu einem Menschen zu machen“. Der Humane Troll ist sich der Tatsache nicht bewußt, daß die Eintagsfliege ein Junge ist.

Otherkins identifizieren sich selbst als nicht-human, während sie sich als traditionell assoziiert mit Figuren aus Mythen und Legenden begreifen. Otherkins haben in Folge den menschlichen Körper und die menschliche Form psychisch verlassen um einen „post-humanen“ Raum zu bevölkern und zu verkörpern. In gewisser Hinsicht ein logischer nächster Schritt, wenn man an die Lösung und das Zerbrechen der Geschlechterrollen der politischen Transgender- und Feminismus-Diskussion denkt, an die Förderung einer hybriden Körperkultur einer Rassen- und Ethnologiediskussion und die Verwischung der Unterschiede zwischen Mensch und Maschine als Cyborgs – und jetzt die Otherkins, die Spezies und Identität überkommen wollen. Otherkin verneinen radikal die Annnahme, daß Identität ihre Wurzeln in einer körperzentristischen Rassenidentifikation hat. Otherkin verstehen sich „anders als Menschen“. Eine interessante Frage wäre, was ist denn dieses „anders“, das anders als Menschen ist?
Liegt der Sinn dieses „anders“ vielleicht in Flügeln und Schwänzen? Viele Otherkin-Foren enthalten Geschichten und Erzählungen von Otherkins, die Schwierigkeiten haben sich in einer Welt der Menschen wohl zu fühlen. Auf eine gewisse Art erinnern diese Beschwerden an Aufrufe zu barrierefreien Zonen, nur daß hier keine Behinderten gemeint sind. Manche Otherkin argumentieren, daß die human-identifizierte Welt umdesigned werden muß, damit sich jene, die Flügel fühlen und jene, die Schwänze fühlen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Toiletten und Restaurants nicht stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen müssten. Hier wird das „anders“ als eine soziale Konstruktion von Diskriminierung und Unterdrückung erlebt.
Zweifellos handelt es sich aber vor allem um eine Transgression. In Sünde, Verletzung, Verstoßen, Überschreitungen oder Übertretungen von Grenzen lag schon immer Lust. Wir Magier wissen das nur zu gut. Das (spielerische) Überschreiten von Grenzen der Identität von Mensch und Tier durch Verhaltensweisen ist für Magier ein Teil der Attraktivität ihres Tuns. Wir erschaffen schon lange magische Wesen, experimentieren mit der Biointensivierung von Räumen und deterritorialisiertem Shapeshifting in unseren Ritualen. So gesehen haben die Magier das „anders“ im Otherkin schon längst verwirklicht, ohne es bemerkt zu haben und womöglich ohne es jemals versucht zu haben.

Später in der Nacht – während das ebenso ungeschriebene wie seltsame präcoitale Ritual mir abverlangt, daß ich dem Neonfurry meine Visitenkarte gebe und der verspricht (sie sich aber nicht daran hält), daß es sich bei mir meldet – fangen in einem Labor der Goethe-Universität eine Reihe xenotransplantierte Stammzellen damit an sich zu reproduzieren. Die Theorie des hematopoetischen Chimerismus wird Realität. Ein aufgeregter Medizinstudent greift zum Telefon und erreicht seinen Professor, der wiederum informiert die Regierung und die das Militär. Die Zukunft hat begonnen…

© 2014 by Xephyr

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