Donnerstag, 9. November 2017
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Heidentum

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Wenn meine Mutter von jener Zeit in Sydney sprach – damals in den Fünfzigern, als ich noch ein Baby war – da erzählte sie oft von einer seltsamen Frau in Kings Cross, einem Stadtviertel am östlichen Rand der Innenstadt von Sydney. Wir wohnten etwas weiter westlich und das benachbarte Kings Cross mußte sie unweigerlich mit meinem Kinderwagen durchqueren, um nach Rushcutters Bay zu gelangen, ihrem Lieblingspark, wo sie gerne und oft mit mir spazieren ging. Diese seltsame Frau in Kings Cross sei eine Hexe gewesen, so erzählte meine Mutter mir und sie habe großen Gefallen an dem süßen Baby gefunden. Meine Mutter fürchtete diese eigenartige Frau und versuchte sie zu meiden. Aber egal wie sie durch Kings Cross lief, da war fast immer diese Frau und kam sofort herbei, um sich das Baby anzuschauen. Diese Frau, so erzählte meine Mutter, sei eine Hexe gewesen. Und ihr Name war „Roie“, Rosaleen Miriam Norton.

Roie war zu dieser Zeit 41 Jahre alt und war 1925 mit ihrer Familie nach Sydney gezogen. Dort zog sie aber nie in das Haus ihrer Eltern ein, sondern lebte in einem Zelt im Garten, zusammen mit ihrer Lieblingsspinne Horatius, einer Katze, einer Eidechse, Schildkröten, Hunden und einer Ziege. Aus der Mädchenschule der Church of England war sie schnell geflogen, weil sie Bilder von Dämonen, Vampiren und Werwölfen zeichnete und ihre Lehrer einen negativen Einfluß auf die anderen Schülerinnen fürchteten. Roie lernte einen Bildhauer (Rayner Hoff) kennen, der ihr Talent erkannte und machte bei ihm eine Künstlerlehre. Mit 16 war sie bereits Journalistin und Illustratorin bei einer lokalen Wochenzeitschrift. Nach einer gescheiterten Ehe wechselte sie zur freien Presse, der Zeitschrift Pertinent.

Ihre erste Ausstellung mit 46 Gemälden endete mit der Beschlagnahme von vier Kunstwerken, Witches‘ Sabbath, Lucifer, Triumph und Individuation. Den Prozess gewann sie, weil diese Bilder bereits in einem bekannten Buch abgebildet waren. 1941 zog Roie dann auf die 179 Brougham Street, in dem Viertel in Sydney, das als KX, Kings Cross, bekannt ist. Hier lebten viele Künstler und in diesem Umfeld schrieb sie einige Bücher und malte ihre Bilder, inspiriert von A. O. Spare, C.S. Lewis, C.G. Jung, J.G. Frazer und Aleister Crowley, die sie alle sehr bewunderte und verehrte.

Als wir Rosaleen Norton dort trafen, hatte sie bereits einen eigenen Coven gegründet (war also tatsächlich eine Hexe und nannte sich „Thorn“) und in den Strudel öffentlicher Anschuldigungen und übler Nachrede geraten. Zeitungen hatten ihr „Satanische Schwarze Messen“ und „Tieropfer“ nachgesagt, es gab Vorwürfe von „unnatürlichen sexuellen Handlungen“, allesamt Erfindungen und Lügen, denn Roie war nie eine Satanistin gewesen, sondern Paganistin, sie verehrte den alten Gott Pan. In dieser verhetzten Stimmung traf sie den weltberühmten Komponisten und Dirigenten Sir Eugene Goossens und die beiden wurden ein Liebespaar. Die Presse hörte aber nicht mit den Beschuldigungen auf, das Reisegepäck von Goossens wurde durchsucht und man fand in seinem Gepäck einige Aktfotografien, eine Gummimaske und – Räucherstäbchen. Er verlor daraufhin seine Anstellung an der Oper in Sydney und verließ das Land für immer. Rosaleen Norton starb 1979 im Alter von 62 Jahren.

© Xephyr

Die magische Welt und visionäre Kunst der Rosaleen Norton.

Rosaleen Norton und Sir Eugene Goossens: „Intime Rituale“.

Rosaleen Norton Gallerie.

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