Donnerstag, 9. November 2017
Tags Post getagged mit "Kindle"

Kindle

0 1668
Ein Kindle zu Weihnachten – eine Weihnachtsgeschichte

Letztes Jahr, auf die Raunächte, hat sich hier heroben in Moos eine sonderbare Geschichte zugetragen und die möcht ich euch gern erzählen. Die Happacher Elsbeth war gerade in die Ammergassen umgezogen und der Ludwig hat ihr beim Umzug geholfen. Der Ludwig hat ja schon in der Schule ein Aug auf die Elsbeth geworfen, aber die hat keine Mannsbilder im Kopf gehabt. Nur Bücher. Und deshalb hat sich der Ludwig an dem besagten warmen Augusttag so abgeschleppt, wegen der vielen schweren Kisten voll mit ihren Büchern. Für die Elsbeth hätt er die Kisten auch glatt über die Drei Zinnen geschleppt, aber es ging ja, Gott sei Dank, nur in die Ammergassen. Und wie der Ludwig so von Schweiß überströmt die letzte Bücherkiste die Stiegen im neuen Heim von der Elsbeth hochgewuchtet hatte, da hat er, ganz außer Atem, zu der Elsbeth gesagt: „Heutzutag gibt’s Computer und Internet, da muss man nur noch eine Kiste schleppen, weil die ganzen Bücher im Internet sind.“ Die Elsbeth hat gelacht und sich artig fürs Schleppen bedankt, aber ein Computer würde ihr nie ins Haus kommen und mit Internet hat sie sich sowieso nicht ausgekannt. Aber der Ludwig war von seiner eigenen Idee begeistert und als eine Annonce einen Computer drunten in Innichen als vakant verkündet hat, da hat er sich kurz entschlossen in den Bus gesetzt und das Kistl, nebst Flat Screen, Tastatur und Maus für die Elsbeth um ein paar Markerl erstanden.

Ich muss ja wohl niemand erklären, was Brauchtum und Tradition für uns bedeuten. Wer hier oben überleben will, der lässt tunlichst die Finger von neumodischem Teufelswerk, das weiß ein jeder. Vor drei Jahren hat der Niederegger in seinem Baumarkt Flammenwerfer zum Schneeräumen angepriesen. „Mühevolles Schneeräumen war gestern“ hat auf dem Plakat gestanden und weil es im Sonderangebot war, hat der Herbert vom Standlhof auch gleich zugegriffen und noch zwei Propangasflaschen obendrein erworben. Und was war das End vom Lied? Der Herbert hat im Jänner, als die große Schneekälte gekommen ist, oben den Schnee weggebrannt und das Schmelzwasser ist unten beim Pizza-Erich in die Garage geströmt, weil bei der Kälte die Abflüsse alle gefroren waren. Und dann steckten die zwei Lieferautos vom Erich in anderthalb Meter hohen Eiswürfel. Das kommt halt dabei raus, wenn man was Neues probiert. Der Ludwig hat das alles natürlich gewusst und als er im Bus zurück nach Moos saß, neben sich der Computer für Elsbeth, da hat er Angst vor seiner eigenen Courage gekriegt. Weil es schon immer Brauch war, dass Geschichten in Büchern stehen. Und eben nicht auf Computern im Internet.

Mit bangem Herz ist er dann gleich zur Elsbeth und die hat nicht schlecht gestaunt, als der Ludwig mit einem Computer vor ihrer Tür stand! Aber weil er ihr so viel geholfen hatte und weil er so lieb war, hat sich die Elsbeth nicht getraut, ihn abzuweisen. Und der Ludwig hat dann auch gleich alles aufgebaut und gemurmelt und geflucht, während die Elsbeth in der Küche einen Topfenstrudel gebacken hat. Ein bisserl mulmig war ihr bei dem Gedanken an einen Computer in ihrer Wohnung schon, aber sie hat halt gedacht, was soll schon passieren? Bücher im Internet? Das konnte sie sich nicht, das wollte sie sich nicht vorstellen. Und dann hat sie den ofenwarmen Strudel auf den Tisch gestellt und Kaffee gekocht und da kam der Ludwig in die Stube und hat freudestrahlend verkündet: „Fertig! Und weißt was? Internet hast du jetzt auch! Weil ich dich nämlich mit meinem Wlan verbunden hab!“ Von all dem hatte die Elsbeth natürlich keine Ahnung, aber es war schön, dass der Ludwig sich so gefreut hat und es war schön mit anzusehen, wie er sich den Strudel hat schmecken lassen.

Es sollte geschlagene drei Wochen dauern, bis ein hartnäckiger und unnachgiebiger Ludwig eine ungläubige und abwehrende Elsbeth im Internet hatte. Er hätte es aber nie und nimmer geschafft, wenn es nicht Amazon im Internet gegeben hätte. Amazon war eine Offenbarung für Elsbeth. Es gab tatsächlich Bücher im Internet! Und mit der Hilfe von Ludwig legte sie sich ein Konto an und begann auch gleich Bücher aus dem Internet zu bestellen. Ludwig war indes mit dieser Entwicklung nicht wirklich zufrieden, denn er wollte ja eigentlich die Vorteile digitaler Bücher angepriesen wissen und Elsbeth kaufte, nach wie vor, Bücher aus Papier! Sein Versuch auf die Vorteile des bei Amazon angepriesenen Kindle-Gerätes zum Lesen digitaler Bücher stieß bei Elsbeth auf taube Ohren und so ließ Ludwig die Sache auf sich beruhen. Immerhin, es hätte schlimmer kommen können. Aber seine Idee mit dem Computer hatte ihm immerhin wertvolle und vergnügliche Zeit mit seiner Angebeteten verschafft, nun musste er sich genügsam zurückziehen, denn Elsbeth hatte nur mehr Zeit für ihre neu entdeckte Leidenschaft, nämlich Bücher aus dem Internet zu bestellen.

Kindle Weihnachtsgeschichte

Selbstverständlich beschränkte Elsbeth ihre Zeit im Internet nicht nur auf Amazon. Da gab es ja auch noch Google. „Suchmaschine“ hatte Ludwig das genannt und er hatte schmunzelnd erklärt, das sei so wie Aladins Wunderlampe. Nur, statt dran zu reiben, müsse man drauf klicken und dann seinen Wunsch eintippen. Elsbeth fand das faszinierend und es war gegen Ende Oktober, dass sie dort, bei Google, „Lottogewinn“ eintippte. Eben, weil sie einen Lottogewinn gut hätte gebrauchen können, denn die vielen Bücher kosteten eine Stange Geld und sie hatte sehr viele Bücher auf ihrer Wunschliste, die sie sich nicht leisten konnte. Elsbeth tippte also „Lottogewinn“ ein und folgte gespannt der Antwort von Aladins Wunderlampe. So fand sie eine Seite, die Preisrätsel verlinkte und so fand sie ein Preisrätsel, bei dem man ein Kindle gewinnen konnte. „So ein Kindle“, so dachte Elsbeth, „macht die Bücher billiger“. Zumindest hatte Ludwig das immer wieder gepredigt. Kaufen wollte sie es nicht, da war ihr das Risiko zu groß sich für so viel Geld Teufelswerk ins Haus zu holen. Aber gewinnen, das würde ihr schon gefallen. Neugierig klickte sie auf den Link mit den Teilnahme-Bedingungen. Und staunte nicht schlecht.

Natürlich hatte sie mit Preisfragen gerechnet. Man muss schließlich immer irgendwelche Fragen beantworten, um bei einem Preisrätsel mitzumachen. Oder? Aber was die Elsbeth da an Fragen gefunden hatte, ging ihr dann doch zu weit. Ob sie einer geregelten Tätigkeit nachginge und ob sie vorbestraft wäre. Und fast überall war ein rotes Sternchen, was hieß, dass das „Ausfüllen der gekennzeichneten Felder Pflicht sei“. Der Ludwig hatte sie strengstens ermahnt, nichts von ihren privaten Angelegenheiten im Internet zu erzählen. Wegen dem Datendiebstahl. Ein bisserl enttäuscht hat die Elsbeth da geseufzt und immer weitergeklickt, aber am Ende der seitenlangen Formulare stand, dass man sich die Preisfragen auch zuschicken lassen könnte. Die Miene von der Elsbeth hellte sich sofort auf, weil, dann war das ja kein Internet, also auch kein Datendiebstahl mehr! Sofort hat die Elsbeth die Unterlagen angefordert und die waren auch vier Tage später da. Die Fragen waren eigentlich leicht zu beantworten und sie hatte sogar die nötigen Kopien von ihrem Zeugnis von der Schule. Alles war ja fein säuberlich kopiert und abgeheftet in ihrem Ordner zu finden. Dann sollte sie noch einen Aufsatz darüber schreiben, warum sie so ein Gerät haben wollte. Das war auch nicht schwer, weil die Elsbeth gern geschrieben hat. Also hat sie sich hingehockt und mit ihrer ordentlichsten Handschrift alles reingeschrieben: Dass es ursprünglich die Idee von ihrem Freund, dem Ludwig, war und dass so ein Kindle nur Vorteile mit sich brächte und es überhaupt und sowieso nix Schöneres gäbe, als Bücher zu lesen, weil man sich ja auch weiterbilden muss und so. Als sie fertig war, hat sie den Aufsatz zusammen mit den Kopien und den ausgefüllten Formularen gleich zur Post gebracht, einen großen Umschlag gekauft, alles hineingesteckt und sorgfältig zugeklebt, am Schalter frankieren lassen und abgeschickt. Gutgelaunt ging die Elsbeth wieder heim, weil sie sich sicher war, dass sie gewinnen würde. Sie hatte ein wirklich rundum gutes Gefühl bei der Sache.

Dem Ludwig hat sie aber nichts erzählt, weil sie ihn überraschen wollte. Überrascht war die Elsbeth aber erstmal selbst, nicht weil es an diesem 12. November den ersten Schnee gab, das war eher zu erwarten gewesen, sondern weil im Briefkasten eine Nachricht von der Preisrätsel-Firma war! Da hat ihr Herz gleich einen Sprung getan, sie hat sich den Brief ganz fest an den Busen gedrückt und ist gleich die Stiegen rauf zu ihrer Kammer, wo sie mit vor Aufregung zitternden Fingern den Umschlag aufriss. Und tatsächlich, da stand es, gleich am Anfang des Schreibens: „… freuen wir uns Ihnen mitteilen zu dürfen, dass sie in die engere Auswahl gekommen sind!“. Aber da stand noch mehr, nämlich, dass die Preisrätsel-Firma jemanden aus Bozen hochschicken wollte, um sie besser kennenzulernen. Elsbeth setze sich auf den Küchenstuhl und las den ganzen Brief noch einmal in aller Ruhe durch. Wieso wollen die sie kennenlernen? Die Frage ging ihr immer wieder durch den Kopf, aber sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen. Als drei Tage später das Telefon klingelte und eine sympathische Dame sie fragte, ob sie am Samstagnachmittag für einen Besuch Zeit hätte, da konnte sie einfach nicht nein sagen. das wäre ihr unhöflich vorgekommen. Also hat sie ja gesagt und so getan, als ob sie sich freuen würde. Insgeheim war ihr das aber nicht recht gewesen und sie kam sich schon ein wenig überfahren vor.

Samstagmittag wäre die Elsbeth fast zum Ludwig rüber gelaufen und hätte ihm alles gestanden. Aber das hat sie sich dann auch nicht getraut. Und als um kurz nach vier die Türschelle ging, da hat sich ihr Magen zusammen gekrampft. Trotzdem ist die Elsbeth tapfer runter und hat die Tür aufgemacht. Der Mann und die Frau, die draußen standen, strahlten sie einnehmend an. Und Elsbeth fasste sofort Vertrauen zu ihnen. Hereingebeten, betrat das nette Paar die Wohnung und schaute sich anerkennend um. Überhaupt waren die Beiden voller Lob für Elsbeth und haben immer wieder versichert, dass alles in Ordnung sei. Sie hätten nur wirklich sicher gehen müssen, damit kein Fehler gemacht würde. Elsbeth entspannte sich. Sie hatte den Kindle so gut wie in der Tasche. Und so war es auch. Zum Nikolaustag kam der Brief, in dem es stand: Sie hatte gewonnen! Und das nette Paar würde ihr den Kindle zu Weihnachten sogar persönlich vorbeibringen. Elsbeth konnte ihr Glück nicht fassen. Das würde ein ganz besonderes Weihnachtsfest werden! Sie würde eine Gans in den Ofen schieben und den Ludwig zum Essen einladen! Und zur Bescherung würde es an der Tür klingeln und …

Kindle Weihnachtsgeschichte

Das Forstamt will natürlich verhindern, dass die Leute zum Heiligabend in den Wald gehen und sich selbst eine Tanne schlagen. Da legen die Forstner lieber selbst Hand an und versorgen die Dorfbewohner mit kostenlosen Weihnachtsbäumen. Also ist die Elsbeth eine Woche vorm Christfest mit dem Bus nach Sexten runter und dort aufs Forstamt. Im Hof stand noch eine richtig schöne Auswahl an Christbäumen und die Elsbeth hat sich einen mit einer Schokoladenseite rausgesucht. Und der Toni, der ihr beim Aussuchen geholfen hat, war ja selbst aus Moos und hat ihr das Bäumchen am Abend an die Tür gebracht. Reingebeten hat sie ihn aber nicht, weil der Toni sie immer so anzüglich angeschaut hat und deshalb hat sie ihm gesagt, der Ludwig würde ihr den Baum aufstellen. Was ja nicht gestimmt hat, weil den Ludwig, den wollte sie ja überraschen. Und so ist der Toni enttäuscht heim und die Elsbeth hat ihren Tannenbaum selbst über die Treppe auf ihre Kammer geschleift. Und ist dann völlig erschöpft ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen. In der Nacht hat sie von ihrer Oma geträumt.

Der Vater von Elsbeth war ja Bergführer gewesen und einmal war er am Berg geblieben. Die Mutter hatte sich so gegrämt, dass sie sich daraufhin ein Leid angetan hat. Und die kleine Elsbeth ist hernach bei ihrer Oma aufgewachsen. Und von der Oma hat die Elsbeth gelernt, wie man Vanillekipferl und Zimtsterne backt und das Rezept für die Weihnachtsgans, das war auch von der Oma. Und natürlich auch der Christbaumschmuck, der war auch von der Großmutter und jetzt, wo die Elsbeth den Baum geschmückt hat, da ist sie immer wieder ins Träumen gekommen. Weil jedes Stück eine eigene Geschichte erzählt hat und sie so manches Teil als Kind selbst gebastelt hat. Und so hat es lange gedauert, bis der Baum fertig geschmückt war, aber er war zauberhaft geworden und die Elsbeth hat gestrahlt vor Weihnachtsglück und Vorfreude, wie schon seit ihrer Kindheit nicht mehr. Morgen war Heiligabend, alles war vorbereitet, nur der Ludwig war noch nicht eingeladen. Zwischen den Gefühlen von Vorfreude, Neugierde und der Angst, dass der Ludwig nicht kommen wollte oder könnte, konnte die Elsbeth die halbe Nacht nicht schlafen. Und am nächsten Tag ist sie erst um die Mittagszeit wachgeworden und dann gleich rüber zum Ludwig. Und der konnte sein Glück nicht fassen und hat sofort zugesagt. Aber kaum, dass er „ja“ gesagt hatte, da hat sich seine Miene verdunkelt und es war ihm unwohl geworden und er hat rumgedruckst. „Weil“, so hat er gemeint, „ich hab dir ja nix zum Schenken!“. Aber die Elsbeth hat das gleich abgewehrt, sie hätte ja auch kein Geschenk, aber ganz sicher für beide eine Überraschung. Und außerdem wären sie ja keine Kinder mehr. Zum Glück hat sich der Ludwig drauf eingelassen und um Fünfe hat er an ihrer Haustür geschellt. Frisch gebadet und gekämmt stand er da und hat die Elsbeth angelächelt. Und ihr ist das Herz vor Freude im Busen gehüpft.

Bescherung war immer um sechs Uhr und bis dahin hat den Beiden Gans, Knödel und Rotkohl vorzüglich gemundet. Ludwig war äußerst charmant und voller Lob und Elsbeth war überaus glücklich. Der Ludwig hat beim Abräumen geholfen und um Punkt sechs waren die Kerzen am Christbaum angesteckt. Und als die Beiden „Leise rieselt der Schnee“ vorm Baum gesungen haben, da hat der Ludwig die Hand von der Elsbeth in seine Hand genommen und sie ganz fest gehalten. Und genau in dem Moment hat es draußen aufgehört zu schneien und die letzten Wolken sind vom Himmel verschwundenen. Und die Scheinwerferkegel von einem Auto haben das Abbild vom Fensterkreuz langsam über die Decke wandern lassen. „Erwartest du noch jemanden?“, hat der Ludwig gefragt und die Elsbeth hat geantwortet: „Das ist die Überraschung!“. Und da hat es auch schon an der Haustür geschellt und die beiden sind runter und haben die Tür aufgemacht. Draußen stand das nette Paar aus Bozen und die Frau hatte einen Säugling im Arm. Sie strahlte und sagte: „Wir bringen ihr Kindle!“ und „Dürfen wir reinkommen, es ist bitterkalt, hier heraussen!“

Als die Elsbeth das Knäblein im ihrer weihnachtlichen Stube im Arm gehalten hat, da wollte sie es nie mehr hergeben. Wie er sie angelächelt hat und wie klein und zart seine Fingerchen waren! Und noch bevor Elsbeth oder Ludwig aus ihrer Verblüffung heraus waren und etwas sagen konnten, da war das Paar aus Bozen auch schon verschwunden. „Wir müssen weiter, der Pass ist verschneit und je früher wir uns auf den Weg machen, desto besser!“ Und mit diesen Worten waren sie auch schon hinaus. Auf dem Tisch stand eine große Sporttasche, die der Mann dort zurück gelassen hatte und der Ludwig zog den Reißverschluss auf. Drin war Babyzeug, Flaschen, Nuckel und Windeln. Da hat der Ludwig gesagt „Ich mache dem Kind erstmal eine Flasche und dann erklärst du mir, was das hier alles zu bedeuten hat!“ Und mit den Worten ist er in die Küche und hat mit den Töpfen gescheppert und laut vorgelesen, was auf der Babymilchpackung stand. Zehn Minuten später war er mit der Flasche zurück, die er an den Unterarm gedrückt gehalten hat, um die Temperatur zu prüfen. „Steht so auf der Packung“, hat er entschuldigend gesagt und der Elsbeth die Babyflasche mit der handwarmen Milch gegeben. Als der Knabe offensichtlich zufrieden an der Flasche genuckelt hat, hat sich die Elsbeth gefasst dem Ludwig zugewandt. „Ludwig“, hat sie gesagt, „ich verstehe das alles nicht.“ Und dann erzählte sie ihm alles, von dem Preisrätsel wo es ein Kindle zu gewinnen gab und dass sie gewonnen hatte. „Aber da muss es doch auch was Schriftliches geben“, meinte der Ludwig und kramte in der großen Babytasche. Triumphierend zog er eine Mappe daraus hervor und wedelte damit in der Luft. „Na also, da haben wir es ja. Und schau mal, was da drauf steht: Adoptionsunterlagen!“ Eilig überflog er die Seiten mit ernstem Blick und wandte sich dann an Elsbeth: „Das war kein Preisrätsel, Elsbeth. Und es gab auch keinen Kindle als Preis. Du hast dich für eine Adoption beworben. Und ein Kind bekommen!“ Völlig verdattert hat die Elsbeth da geantwortet: „Aber ich kann kein Kind bekommen haben, ich bin doch noch Jungfrau!“ Der Ludwig schüttelte den Kopf. „Du scheinst nicht zu verstehen Elsbeth. Du hast ein Kind adoptiert. Das steht auch hier. Seine Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Das Baby konnten sie aber retten. Und du bist jetzt seine neue Mutter!“

Kindle Stern von Moos

Das Baby war unterdessen satt und zufrieden in ihren Armen eingeschlafen. Wie süß es war und wie friedlich es schlief! Der Elsbeth ging das Herz auf. „Du kannst es unmöglich behalten!“ sagte da der Ludwig. Hier steht, dass du angegeben hast, du würdest mit mir zusammen leben. Aber das stimmt doch nicht. Wenn die das rauskriegen, dann nehmen sie dir das Kind sowieso wieder ab. Der Elsbeth kamen die Tränen und der Ludwig kam herüber um sie zu trösten. Aber statt sie in den Arm zu nehmen, kniete er sich vor sie hin und nahm ihre Hand in seine. „Es sei denn“, sagte er dann, „es sei denn, du willst mich heiraten.“ Und dann, noch einmal, mit festem Blick und entschlossener Stimme: „Elsbeth, willst du mich heiraten?“ Die Elsbeth sah das schlafende Baby an und dann den Ludwig, der da voller Hoffnung vor ihr kniete und ihr die Frage aller Fragen gestellt hatte. „Ja, Ludwig“, sagte sie dann, „ja, ich will!“

Und in diesem Moment erschien am Firmament jener eiskalten, stillen Weihnachtsnacht jener Glücksstern, von dem man sagt, dass ihm die Magier aus den fernsten und entlegensten Ländern der Welt folgen würden. Mächtig und prachtvoll funkelte er als hellster Stern unter den Millionen anderen Sternen, die den Nachthimmel erleuchteten. Und es war genau dieses helle und glückliche Funkeln, das in den Augen Ludwigs lag, als er seine Elsbeth zärtlich küsste. Dann küsste er das Baby sanft auf die Stirn und sprach: „Wir müssen uns einen Namen für den Jungen einfallen lassen. Und niemand soll je erfahren, dass er adoptiert wurde!“ Die Elsbeth nickte zustimmend. Vielen Frauen merkt man die Schwangerschaft nicht an, das wusste sie. „Ludwig, was sollen wir dann bloß den Leuten sagen? Ich bin doch noch Jungfrau!“ „Und ich kann keine Kinder zeugen“, fügte der Ludwig hinzu. Und dann: „Weißt du was, wir sagen einfach, es war ein Wunder! Und irgendwie stimmt das ja auch.“

Es war Mitternacht geworden und die Glocken der Dorfkirche riefen zur Christmette. Oben am Kreuzbergpass erschienen drei fremdartig aussehende Männer in dicker Fellkleidung, die sich mit Fackeln den Weg erleuchteten. Einer von ihnen blieb stehen und deutete auf den hellen Stern am Nachthimmel und dann auf das Dorf. Die Männer beschleunigten ihren Schritt.

© 2014  Xephyr

Netzwerke

0FansLike
0Subscribers+1
0FollowersFollow